Köln: Von Wut und Enttäuschung

Der 31. Dezember 2015 hat vieles verändert. Oskar Freysinger, Vize-Präsident der SVP, erklärt plötzlich öffentlich, seine Partei sei die frauenfreundlichste der Schweiz, Yvonne Feri, (noch-)Präsidentin der SP Frauen, verlangt plötzlich Inneneinsätze der Schweizer Armee und die bekannte deutsche Rechtsfeministin Alice Schwarzer erklärt in einem Interview die Ereignisse in Köln hätten über die uns bisher bekannte sexuelle Gewalt hinaus eine neue Qualität, eine ganz andere Dimension gehabt.

Was ist passiert? Die Rekonstruktion der Ereignisse in Köln ist nicht ganz einfach. Eine überforderte Polizei, die zu spät und falsch informierte, die Medien, welche sich wie Aasgeier auf die Köln-Story stürzten und nicht zu Letzt die menschenverachtende rechte Politik, die darin ein gefundenes Fressen für noch mehr Hetze sah, stehen wie ein dichter Nebel über den Ereignissen und machen es schwierig, einen klaren Blick zu behalten.

Fakt ist, in der Silvesternacht wurden mehrere Hundert Frauen in Köln Opfer sexueller Gewalt (zumindest so viele haben eine Anzeige eingereicht – die Dunkelziffer dürfte deutlich höher liegen). Fakt ist auch, dass die meisten Frauen zu Protokoll gaben, von „nordafrikanisch aussehenden Männern“ angegangen worden zu sein.

Ich kann und will mir nicht vorstellen, durch welche Hölle die Opfer von Köln gegangen sein mussten und immer noch müssen. Denn anstatt über das eigentliche Problem – sexuelle Gewalt an Frauen – zu reden, versteifen sich unsere Politik, unsere Medien und schlussendlich auch die Gesellschaft darauf über „Lügenpresse“, „Polizeizensur“ und „kriminelle Ausländer“ zu reden. Die Opfer aber, die interessieren niemanden.

Es ist faszinierend, wer sich seit Köln alles (scheinbar) dem Feminismus zugewandt hat. Während in der Schweiz bis vor kurzem das Thema sexuelle Gewalt kein Schwein interessierte, die Taten heruntergespielt wurden und sogar menschenverachtende Witze darüber gerissen wurden, stellt sich jetzt plötzlich die Rechte, allen voran die SVP als Frauenversteherin hin. Als Menschen, die gegen diese sexuelle Gewalt vorgehen wollen. Selbstverständlich ist das grundsätzlich sehr wünschenswert, denn seit Jahrzenten kämpfen wir allein auf weiter Flur gegen dieses leidige Thema. Doch wenn der Problemlösungsvorschlag nur „alle Ausländer raus“ heisst, dann ist das nicht wünschenswert sondern einfach Scheisse, rassistisch und am Problem vorbeipolitisiert.

Denn schauen wir etwas zurück, so merken wir schnell, dass das Problem der sexuellen Gewalt an Frauen nicht erst seit Köln besteht. Sexuelle Gewalt ist schon seit langem Teil unserer Gesellschaft.

An der SVP Wahlkampfparty im Herbst 2015 war es ein „lustiger Witz“, dass an der Bar K.O. – Tropfen Shots angeboten wurden. Ich wage sehr stark zu bezweifeln, dass dieser Witz auch für Opfer sexueller Gewalt lustig gewesen ist. Am 09. Dezember 2015 hätte die Schweiz dann beinahe einen SVP – Vertreter als Bundesrat gewählt, der sich öffentlich mehrmals über sexuelle Gewalt an Frauen lustig machte. 88 Parlamentarier_innen waren der Meinung, er sei wählbar.

In der Schweiz wird jede fünfte Frau mindestens ein Mal in ihrem Leben Opfer sexueller Gewalt. Ja, wir haben ein Problem. Das Problem heisst aber nicht Ausländer, das Problem heisst auch nicht Islam. Das Problem heisst sexuelle Gewalt und das Problem heisst auch: über sexuelle Gewalt wird nicht geredet. Vielleicht können wir nach den Ereignissen in Köln endlich damit anfangen, über das eigentliche Problem zu reden.

Eigentlich wäre es ganz einfach: Die Täter von Köln müssen ermittelt und bestraft werden. Den Opfern von Köln muss Hilfe zur Verfügung gestellt werden. Die Gesellschaft muss dafür sorgen, dass sexuelle Gewalt an Frauen verhindert werden kann. Und zwar nicht mit Benimmkurse für Flüchtlinge. Sondern durch die Bekämpfung der Vergewaltigungskultur, die in Musikvideos dauernd reproduziert wird. Durch die Abschaffung des binären Geschlechterbildes, das unsere Leben beherrscht und unser Verhalten prägt. Durch die rigorose und konsequente Anprangerung von Sexismus immer und überall. Wieso schaffen wir das nicht?

Ich bin wütend. Wütend, weil unsere Feministische Bewegung missbraucht wird, um gegen Menschen zu hetzen. Wütend, weil die Linke drauf reingefallen ist. Wütend, weil das eigentliche Thema nie wirklich thematisiert wurde.

Doch jetzt ist nicht die Zeit einfach nur wütend zu sein. Jetzt ist es an der Zeit aktiv zu werden. Jetzt ist die Zeit, in der wir uns hinstellen und gemeinsam noch lauter sein müssen: Gegen Sexismus. Gegen Rassismus. #ausnahmslos!

Salome, Mitglied der Geschäftsleitung

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